Schlagwort: Ausbeutung

Viva la Pu-Erh-Tee!

Nachdem ich vor kurzem etwas zu Bedingungen hinter fair trade Siegeln auch in Bezug auf Teeplantagen geschrieben habe, habe ich mal Reaktionen bei einer der genannten Firmen gesammelt.

So veröffentlicht eine der im Bericht genannten Firma in ihrem ‚Blättchen‘ Teecetera Nr.66 ein Interview mit Asgar Hussai, „Geschäftsführer der Teegärten in Südindien und Tansania, die zur BBTC (Bombay Bur-mah Trading Corporation) gehören“, über die auch diese Firma einige ihrer Tees bezieht, folgenden schönen Satz:Zweifelsohne bedrohen fehlende Arbeitskräfte und eskalierende Löhne den Unterhalt unserer Teeanwesen.(ebenda S.3)“
Eine sehr interessante Sicht der Dinge und eine sehr schöne Formulierung: „Eskalierende Löhne“. 😀
Ohne da jetzt auf dem moralischen Standpunkt herumreiten zu wollen, es geht ja lediglich um kapitalistische Verwertungsstrategie, sei der Hinweis gegeben: Wer seine Mitarbeiter anständig bezahlt, der hat keinen Fachkräftemangel und steigende Löhne sind sicherlich nicht Existenz gefährdend für ein Unternehmen das mit Luxusgut handelt.
Denn um solche handelt es sich beim Tee, zumindest wenn man sich die Endverkaufspreise in den Abnehmerländern anschaut.
Dass dies so in Bezug auf die Entwicklung von Biotee-Anbau geäußert wurde, macht es noch lächerlicher – oder auch wieder nicht.

Der deutsche Endverbraucher erfreut sich -neben Hausmeisterkappen- an der gelebten Existenz von reglementierenden Siegeln oder Vorschriften.
Der Blockwart empfiehlt diese Woche: Grüne Bananen mit Biosiegel aus Grönland! 😉

In diese genetische Prägung schlägt man -für den grün angehauchten und Mama Erde liebenden Mittelschichtler- mit Biosiegeln und Fair Trade Gedöns.
Es geht bei diesem religiös angehauchten Ablasshandel immer um vermeintlich besseres Leben für alle, auch für jene, die in Ländern auf deutlich niedrigerer Einkommensstufe für uns schuften, zuvörderst aber doch nur um sich selbst – Gesundheit verstehste!
Ersteres ist zuerst einmal ehrbar. Mit der Funktion des Biosiegels wird jedoch Selbstabsicherung betrieben(keine Pestizide!, keine Pestizide!) und einer angeblich ‚gesunden‘ oder wenigstens gesünderen Ernährung nachgestellt.
Dies hat mit fairen Bedingungen zuerst einmal gar nix zu tun.
Denn: Die Art der Produktion sagt nichts über die Bedingungen der Produktion aus.

Man kann sicherlich kapitalistische Prozesse so gestalten, dass sie ineffektiver und dabei tatsächlich weniger aggressiv für die Umwelt sind.
Zumindest vordergründig um ein Verkaufsargument für die satte Öko-Bourgeoisie in bspw. Deutschland zu haben; aus Sicht eines Menschen der im oberen Drittel eines Level 4 Staates angesiedelt ist, kann dies also tatsächlich von ideologisch relevanter Bedeutung sein. Gesundheitlich bezweifle ich einen signifikanten Nutzen.
Es geht, platt gesagt, eben aus Sicht dieser Menschen nicht mehr darum, die Weltbevölkerung zu ernähren, sondern sich selbst mit der eingebildeten, bestmöglichen und gleichzeitig ‚gesündesten Form zu ernähren, die machbar erscheint. Dies auch gerne unabhängig von globalen Quantitätserwägungen.
Gekoppelt mit einem ‚früher war alles besser‘ Verständnisses von menschlicher Entwicklung und gelebter Unkenntnis von Ackerbau und Viehzucht, ergibt dies dann die dümmstmögliche Variante gegenwärtiger Existenz, den finanzstarken Öko-Bourgeois.

Seine Existenz und ganz wichtig in heutiger Zeit, seine Identität kommt, auch gerne noch ergänzt um esoterisches Gedankengut und ein komplementäres Verständnis von Medizin daher – der ganze Glumskopp quasi mit einer Delusion von Natur-Chemie Dichotomie zugemauert.
Nun ist selbstverständlich eine weniger ressourcenvernichtende Produktionsform nicht per se ein Fehler, sie hingegen innerhalb einer Produktionsweise wie dem Kapitalismus zu verwirklichen schwer, da es lediglich ein Basteln an strukturellen Verwertungsmustern darstellt.
Kapitalismus mit menschlichem Antlitz, haha!

Kapitalismus, darauf sei hier kurz hingewiesen, lebt auch davon, dass es noch Bereiche gibt die nicht (vollständig) durchkapitalisiert sind und bei denen ungleicher Tausch ein Wesensmerkmal ist(wie immer gilt: horizontal wie auch vertikal).
Durch die heutigen, bereits sehr extrem ausgeprägten Formen von arbeitsteiligen Prozessen wird es zunehmend schwieriger bis unmöglich den Ausbeutungsmechanismus noch an einzelnen Stellen dingfest zu machen.
Das hochentfremdete Endprodukt hat seinen Werdegang(und seine Schöpfungsbedingungen) nahezu vollständig verschleiert, wenn es beim Konsumenten angekommen ist.
Hurra, ein neues Smartphone! m(
Wer heute bspw. bei einem Smartphone versucht die Arbeitsbedingungen (vom Abbau der Rohstoffe bis hin zur Veredelung und Assemblierung des dem Käufer dargebotenen Endprodukts) nachzuvollziehen, scheitert meist sehr schnell dabei.
Gut, bei Bananen und auch Tee sind es sicherlich weniger Hände durch die die Ware geht, am Anfang der Kette steht jedoch Wertschöpfung durch die Pflückerinnen, jene, die am schlechtesten bei der Wertschöpfungskette davonkommen.
Auch dies, eben kein Zufall, sondern bauartspezifisches Charakteristikum des Kapitalismus. (Zwischen-)Händler und Verkäufer teilen sich den Kuchen auf, die Teekrümel bleiben bei den Plantagen, den Veredelern und den dortigen Arbeiter(innen).
Wenig überraschend haben Pflückerinnen, also die weiblichen Arbeitskräfte, auch innerhalb der dortigen Gewerkschaften wenig Einfluss und somit wenig Mitspracherecht auf ihren Arbeitsalltag.
Kritische Nachfragen, die bspw. einer der Firmen in ihrem Gästebuch von zwei FR- Lesern zum Thema „Plantagen und Ausbeutung“ gestellt wurden, behandelte man mit der (sicher nicht falschen) Aussage, man sei -durch die geringen Mengen(in Relation zum Gesamtaufkommen pro Plantage)- eben nur ein kleines Rad ohne echten Einfluss auf die dortigen Arbeitsprozesse.
Auch der gerne genommene Versuch mittels eines Total Reward Statements vulgo Gesamtvergütungsnachweises die gezahlten Löhne zu erhöhen durfte nicht fehlen.
Ich zitiere kurz:Eine reine Betrachtung des Lohns ist zu kurz gegriffen, da die Pflücker zusätzlich zu ihrem Pflücklohn wesentliche Sozialleistungen wie Essenszuschüsse, Krankenversicherungsbeiträge, kostenlose medizinische Versorgung, kostenlose schulische Versorgung und kostenlose Unterkünfte erhalten. (Gästebuch Kommentar zum Beitrag vom 2019-07-10 09:53:44)
Alles sehr löblich, aber ich gebe zu bedenken, wenn denn eine gesetzlich erlaubte Verlagerungen von Lohnleistung hin zu Lohnnebenleistungen dazu führt, dass Arbeiterinnen eben trotzdem nicht wissen, wie sie mit dem Lohn über die Runde kommen können, dann ist vermutlich der gezahlte Reallohn immer noch fürn Arsch. Siehe dazu: fehlende Fachkräfte.
Egal, welches Unternehmen in welchem Land damit versucht die Diskussionshoheit zu erlangen, es bleibt immer der -hier werden wir dann mal marktradikal *grins*- Versuch von schlechten (Arbeits-)Bedingungen in Relation zur Entlohnung abzulenken und einen Nebenkriegsschauplatz aufzumachen.

Und ich erwähne natürlich auch gerne, dass es sicherlich die ganz großen Abnehmer des Tees sind, die die Preise deutlich zu niedrig bezahlen, denn die meisten meiner Mitbürger zahlen eben kein 32€ für 100g Tee, sondern eher 5-7€ für 500g-1Kg davon. Dies bedeutet, man kritisiert die besseren der schwarzen Schafe, in Ermangelung der ganz großen Abnehmer, allerdings verkaufen diese auch weniger den Bio-Lifestyle von den gendergerechten Arbeitsbedingungen auf den Traumplantagen bei üppigem Lohn für alle Marktingblabla. Hängt aber vermutlich hauptsächlich mit unterschiedlicher Klientel der Konsumenten zusammen.

Natürlich sind auch konkurrierende Gewerkschaften, im Beispiel von indischem Tee sind es wohl über 30, problematisch zu betrachten und führen -über diese Zersplitterung- wohl eher zu Vorteilen für den Kapitalisten vor Ort; wir hatten ja mit christlichen Gewerkschaften als Kapitalisten-U-Boot auch Probleme in Deutschland.
Doch kurz zurück zu den Siegeln.

Wenn sich der Kapitalist vor Ort, zusätzlich zu den sonstigen Produktionskosten, noch eine Zertifizierung und Quantitätseinbußen bei der Umstellung auf „BIO“ erlaubt, hinterher aber der Druck der Supermarktketten sogar noch zu einem Preisverfall sorgt, dann sind die Siegel nicht mal den Plastikaufbatscher wert, der von ihrer Reinheit kündet.

Ich erinnere mich an eine Doku, bei der es um die Produktion von Bananen ging, dort war der Trend bei einigen Produzenten zurück zur Nicht-BIO-Zeit, weil das, was letztlich nach Kauf des Zertifikats blabla hängenblieb, weniger war als vorher.
Dafür konnte aber der preisbewusste deutsche Konsument das Ankerprodukt Banane nun mit Fair Trade und Bio Aufkleber beim hiesigen Discounter zu einem Preis erwerben, der unter dem der guten alten menschenfreundlichen United Fruit Company vulgo Chiquita Banane lag, dem Namensgeber der Bananenrepublik.

Deswegen ist unterm Strich für mich zu konstatieren: Ich möchte Produkte erwerben, egal welcher Couleur, bei denen ich mir keine Gedanken machen muss, ob ich damit meinen Fußabdruck mit CO2 fülle oder auf den Knochen der Arbeiter und -Innen einen Goldenen Turm errichte.
Ich möchte stattdessen, dass unsere Politik dem asozialen Wirtschaften genau solche Regeln und Rahmen auferlegt, so dass darin Bedingungen überhaupt erst als fair realisiert werden können(wenn ich denn innerhalb der Systemlogik argumentieren möchte).
Bspw. könnte man festlegen, dass ein in Deutschland oder der EU gehandeltes Gut eben nicht teurer als der x fache Wert dessen sein darf, den die Arbeiter vor Ort dafür erhalten, dass sie ihn ausgraben oder pflücken – eine Analogie zu dem „der Vorstand sollte nicht das Millionenfache der gesamten Belegschaft erhalten“ Vorschlag. 😉
Sorgt eventuell für zweierlei Möglichkeiten.
Entweder werden vor Ort bessere Löhne gezahlt, oder aber die Preise sinken im Importland – ebenso wie dann die Margen der hiesigen Händler.
So bliebe dann mehr Geld in den Taschen der Konsumenten, welches diese zielgerichtet selber als Mikrokredite oder direkt als Spende zur Verbesserung vor Ort und zur Aufbesserung der eigenen moralischen Ansprüche verwenden könnten.
Ich möchte nicht, dies nochmal kurz erwähnt, dass mir ein Supermarkt oder ein sonstiger Händler via grünem brainwashing zusätzliche Gelder für ein Produkt abzwackt, die er dann werbewirksam in einer Kampagne weitergibt.
Ich möchte schlicht ein Brot kaufen und nicht durch diesen Kauf (oder das Äquivalent von 12 Brotsammelmarken) eine halben Tiger im Regenwald vor dem Verdursten retten.
Ich halte auch nichts von den steuergünstig gut platzierten Ausgaben der Supermärkte vulgo Spenden a la…von jeder gekauften Packung Kondome bekommt ein afrikanisches Kind einen Tampon gratis.
Ich bin da sehr einfach gestrickt. Ich möchte schlicht Waren gegen Geld tauschen, ohne mir dabei Gedanken über Ausbeutung oder moralischen Druck machen zu müssen; denn mir, als letztem Glied in der Kette ist es definitiv nicht mehr nachvollziehbar, welche Schweinereien bei der Entstehung begangen wurden. Einige ja, die meisten aber eben nicht.

Wenn wir also Menschenrechte ernst nehmen und als universalistisch betrachten wollen, dann ist es doch egal ob die Politik in Indien Hungerlöhne erlaubt oder ob die Fabrik in Bangladesch Feuer-und Arbeitsschutzmaßnahmen nicht einhält, denn dann möchte ich das meine Regierung und meine Institutionen in Deutschland den Handel hier damit sanktionieren und, dass Firmen, die ihre Geschäfte auf dieser Basis machen, ebenso behandelt werden wie alle anderen Kriminellen; deren Gesamtbesitz konfisziert und die Verantwortlichen wegsperrt werden.
Das sollte nicht an den Konsumenten outgesourct werden.

Zum Ende des Wochenendes und zur Huldigung der ‚Entdeckung‘ der neuen Welt noch einen der besten Slime Songs – Viva la muerte!

Ihnen Ihr Blödbabbler

Fair Trade? Nö!

In letzter Zeit gabs mal wieder Nachrichten von Captain Obvious.

Das ‘faire‘ Handeln, zertifiziert mit diversen Siegeln, hat ein Problem.
So kommt zwar beim Kapitalisten vor Ort, vulgo dem Kleinbauern(oder den dortigen Genossenschaften) wohl tatsächlich mehr Geld dadurch an(was gut ist), einzig -und wie immer wenn es gilt Arbeitskraft auszubeuten- bei den hiesigen Landarbeitern (die beim dortigen Kleinbauern beschäftigt sind) eben nicht(was schlecht ist).
Surprise, surprise!
Die Auswertungen ergaben: „Die Fairtrade-Zertifizierung erhöht die Löhne bei den Mitgliedern der Genossenschaften und verringert ihre Armut“, berichten die Forscher. Wenn sich Kleinbauern einer solchen Kooperative anschließen, profitieren sie demnach tatsächlich vom fairen Handel. Anders sieht dies allerdings für die Angestellten dieser Kleinbauern aus: Bei den Landarbeitern kommt von den sozialen Vorzügen des Fairtrade so gut wie nichts mehr an. Ausgerechnet die Ärmsten in der Kette der Lebensmittelproduktion haben demnach bisher nur wenig von Fairtrade und Co.(zitiert von hier)
Das Abstract zur Studie mit dem Titel: „Effects of Fairtrade on the livelihoods of poor rural workers“ findet sich hier.
Eventuell hilft es dem gemeinen europäischen Moralisten ja schon, die Landarbeiter mit in sein abendliches Gebet einzuschließen; hilft denen vor Ort natürlich nicht, aber das eigene Gewissen wäre wieder mehr im Gleichgewicht, gelle.

Der zweite Fall betraf in gleicher Hinsicht die Arbeiter-und innen auf Teeplantagen in Indien, wie die Studie mit dem Titel: „TEEEXPORTE VON DARJEELING NACH DEUTSCHLAND – Edle Tees für Hungerlöhne“, der Rosa Luxemburg Stiftung aufzeigt.
Letztlich ähnlich gelagert, zeigt die Studie jedoch auch wie problematisch es ist, wenn vermeintliche Siegel und Zertifizierungen ihre Standards absenken bzw. selbige vor Ort nicht kontrolliert und eingehalten werden.
Dass dann bei denen, die vor Ort die schwere und harte Arbeit machen (nahezu alles Frauen als Pflückerinnen) nur ein verschwindend geringer Teil des Geldes landet, den die Händler in Deutschland als Endpreis aufrufen, erstaunt mich nicht wirklich, so funktioniert Kapitalismus.
Und, dass dies auch bei den fair zertifizierten Erzeugern der Fall ist, zeigt ja bereits obige erwähnte Studie in meinem Beitrag.

Erinnert sei in diesem Zusammenhang auch auf das eigentliche broken Siegel MSC das dem eigenen Anspruch ehemaliger Zeiten auch nicht gerecht wird.

So bleibt letztlich für den gemeinen deutschen Michel oder die Micheliese nur der Glaube an vermeintliche Guttaten die man gerne mit einem höheren Preis im großen Spiel des moralischen Ablasshandels bezahlt, echte Effekte sind leider -zumindest bei den Ärmsten- nicht in Sicht.

Ich rätsele jetzt gerade wo ich meine nächste Teebestellung aufgebe, denn bisher hab ich meist was von den Teeprojekten beim Gschwendner bestellt, nun bin ich mir da nicht mehr so sicher; wobei der Stoff meist aus Nepal kam oder eben leckerer chinesischer Lapsang Souchong oder Puh Erh war.
Nur, siehts da wirklich besser aus auf den Plantagen?

Ihnen Ihr Blödbabbler