Lesetipp

Falls ihr in diesem Jahr genau ein Buch lesen wollt oder könnt, sei es weil die Wohnung nur noch eins aus Platzgründen erlaubt oder das andere in eurem Besitz noch auszumalen -und eure Zeit deswegen knapp ist, dann wäre meine klare Empfehlung „Factfulness: Wie wir lernen, die Welt so zu sehen, wie sie wirklich ist„, vom definitiv zu früh verstorbenen Hans Rosling (und Anna und Ola Rosling).
Ich habe das Buch in englischer Zunge verfasst gelesen, gehe aber davon aus, die deutsche Übersetzung ist akkurat und ändert nichts an der Stoßrichtung und dem Erkenntnisgewinn.

Bücher über Esoterik hausieren gewöhnlich mit Horizonterweiterung und versprechen scheinheilig dies durch ihren hanebüchenen Irrsinn zu realisieren -und halten doch nichts von alledem-; dieses Buch hingegen schüttet ein Füllhorn großflächig und faktenbasiert über euch aus, was eure Sicht auf die Welt tatsächlich deutlich verändern wird.

Hans Rosling, der Vater der grandiosen Webseite „Gapminder, einer Seite die Statistiken in Bubbles visualisiert und so schneller begreif- und verarbeitbar macht, und auch dem dort angesiedelten Projekt „Dollarstreet, war es ein Anliegen die Weltsicht in Fakten darzulegen; die positive Entwicklung die unsere Spezies in den letzten Jahrzehnten hingelegt hat zu vermitteln.
Mit Vorurteilen, Fake News und überkommenen Daten aufzuräumen und den Blick für tatsächliche, grandiose Entwicklungen zu öffnen, war zeitlebens Anliegen von Hans Rosling.

Wir alle sind in unserer Wahrnehmung der Welt meist in altem Wissen verhaftet, dichotomischen Modellen, die wenig bis nichts mehr aussagen und schlicht falsch sind; einer Weltsicht aufgeteilt in „Wir, die Reichen“ und dort „die Anderen“.
Wir sind einem Weltbild verhaftet, dass sich in der Zeit des Wissens unserer Lehrer abspielt und manchmal sogar noch älterem Datengut verschrieben hat.
Viele unserer Entscheidungen und Einschätzungen basieren somit schlicht auf falschen oder veralteten Daten, unser Fazit oder unsere zu entwickelnden Strategien werden dadurch negativ beeinflusst und sicherlich falsch.
So ignorieren wir positive Entwicklungen, weil wir bspw. das Sensationelle, das Schlimme oder Katastrophale täglich, stündlich, gar minütlich in den Medien vorgesetzt bekommen… auch dies prägt unsere Sicht der Dinge.
Das klassische „Wir werden alle störben!“ überwiegt, die positiven Entwicklungen gehen unter oder sind marginale Randnotizen die kaum jemand zur Kenntnis nimmt.
Ich schrieb schon mehrfach, das bspw. die Rate an Vergewaltigungen in den USA/GB in den letzten 40 Jahren um nahezu 80% zurückgegangen ist, worauf bspw. Steve Pinker hinweist(bspw. in diesem Artikel oder in diesem pdf).
Dagegen, gegen die „Alles wird jeden tag schlechter, schlimmer und brutaler“ schreibt oder besser schrieb und argumentiert Hans Rosling an, dagegen versuchte er aufzuklären – mit der famosen Seite Gapminder, mit diversen TED Beiträgen und unermüdlich in Vorträgen vor Eliten und Entscheidungsträger weltweit.

Falls ihr dann sogar noch ein weiteres Buch anrühren wollt, wäre als Ergänzung sicherlich noch Rolf Dobellis „104 Denkfehler und Irrwege, die Sie besser anderen überlassen“, ein guter Gefährte und erhellendes Licht in der Dunkelheit der Automatismen. Dobelli setzt sich mit dem guten alten „confirmation bias“ genauso auseinander, wie mit weiteren Fallstricken unseres Handelns, bspw. dem „Social Proof“ oder auch das „Ich-hab’s-schon-immer-gewusst-Phänomen“ tauchen auf und werden erklärt, problematisiert , gewogen und als Fehlerquelle denunziert. Sehr gute Übersicht über Gewohnheitshandeln, automatisiertes Handeln und andere Formen die wir zum Teil aus evolutionärem Erbe zwar favorisieren, die uns aber in die Irre leiten.

Zwei Bücher, die die eigene Sicht auf die Welt revolutionieren können.
Ihnen Ihr Blödbabbler, Ratte des Lesens

Sehe ich auch…

…so, wie der Herr Fleischhauer in seiner Kolumne bei SpOn; wobei der inhaltlich sinnvollste Absatz stammt ja nun nicht von ihm. 😀
„In den sechziger Jahren bildete die sogenannte Klassenfrage ein zentrales Motiv der Studentenbewegung“, schreiben die beiden Autoren. „In den Siebzigerjahren hat sich dann die Frauenfrage und seit Beginn der Jahrtausendwende das Thema Diversität ins Blickfeld geschoben. Die soziale Herkunft ist in der Folge zur vergessenen Seite des Diversitätsdiskurses geworden.“(SpON)
Der Abgesang auf die Linken in den westlichen Ländern konnte in dem Moment gesungen werden, als sie im Transformationsprozess des Kapitalismus von der fordistischen zur postfordistischen Epoche das Klassensubjekt verloren haben. Die wilde Suche nach einer zu vertretenden Mitte endete dann im bürgerlichen Wahn der zu subventionierenden Opfergesellschaften. Es galt immer weitere Bereiche zu durchdringen -wie es analog dem Kapitalismus auf der Ebene der Produktionssphäre inhärent ist- und dort nach potentiellen Verlierern des herrschenden Systems zu suchen um sie als singuläre Gruppe zu definieren und zu differenzieren. Der linke Hang zum ausufernden Sektierertum machte sich dabei formidabel und wurde sinngebend für diesen Prozess der Intensivierung der Vereinzelung des Einzelnen.

Vom Fleischhauer Jan stammt jedoch sein garstiger Hieb -um die fehlende Gemeinsamkeit von diversen Grüppchen zu verdeutlichen- gegen die Studienabbrecherin, der mir natürlich ausnehmend gut gefällt, so schreibt er:Die Hoffnung der Linken war, dass sich die benachteiligt Fühlenden in einer großen Regenbogenkoalition der Marginalisierten zusammenfinden würden. Tatsächlich aber ist die Diskriminierungserfahrung zu schwach, um als einigendes Band zu taugen. Man wird sehr lange auf den heteronormativen Stahlkocher aus Duisburg einreden müssen, bis er erkennt, wo die Gemeinsamkeit mit der feministisch gestimmten Studienabbrecherin liegt, die sich ihren Lebensunterhalt mit Texten zu Sammelbänden über die Heimat als Alptraum verdient.(ebenda)
Lustigerweise schafft er es aber wieder einmal nicht, zu erkennen, dass eben die sonst von ihm als sinnvoll verkaufte Ideologie des freien und neoliberal geprägten Menschen geradezu zwangsläufig in solch eine Identitätsfalle führen muss(te).
Atomisierung, Vertiefung und Verfestigung der Entfremdung des Einzelnen, statt eben Emanzipation des Menschen, sind ja gerade paradigmatischer Ausdruck der postfordistischen Phase des Kapitalismus.
Der linke Identitätshegemonismus ist lediglich gesellschaftliches und kulturelles Spiegelbild dieser Änderung im Produktionsprozess.

Juchu, Bücherverbrennung

…sofern ich nicht dem traditionellen Unsinn, Menschen am 1. April durch FakeNews die Zeit zu stehlen, auf den Leim gekrochen bin…dann gab es eine Aktion in Danzig,deren Stoßrichtung ich mich nur allzugerne anschließen mag.

Es ging gegen den allgegenwärtigen Aberglauben… und man bekämpfte ihn in Gestalt von katholischen Irren, die laut Überlieferung folgende Gegenstände dem Feuer übergaben:[…][unter anderem] eine afrikanische Maske, ein „Hello Kitty“-Regenschirm und eine Hindu-Figur […]*).

Hilfreich wie ich bin, hätte ich noch anzubieten: Bibel, Koran, Thora und einen scheinbar an Elefantiasis leidenden hinduistischen Götzen nebst Bhagavad-Gita und Veden, sowie die absurden Werke von Rudolf Steiner und Samuel Hahnemann.

Denn, wenn wir endlich beginnen mit dem Aberglauben aufräumen, dann doch bitteschön konsequent und ehrlich, weil sonst ist es nur die dumpf zelebrierte und jahrtausendealte Engstirnigkeit religiöser, christlicher Idioten und die braucht nun wirklich niemand.

Ihnen Ihr Blödbabbler, Aprilscherzverächter

*)#Edit: Und, weil eine Bücherverbrennung mit Masken alleine tatsächlich wohl eher komisch daherkäme, frönte man der Verbrennung von Harry Potter Buchbänden; mit Hexenverbrennungen hat man ja lange Erfahrung – wenn nicht gar Tradition- in der christlichen Religionsgeschichte…auch wenns hier erstmal nur fiktive Hexer waren.#

Diskussion im 7. Jahr…

… des hoffnungsvollen Kölner Gerichtsurteils, Beschneidung von Jungen als Körperverletzung anzusehen, im sogenannten Blogtalk der Frankfurter Rundschau.

Man geht dort der Frage nach: Was hat sich getan in Sachen Knabenbeschneidung?

Zu Gast bei Bronski „im Blogtalk sind Victor Schiering und Önder Özgeday vom Verein MOGiS e.V. – Eine Stimme für Betroffene, der sich für die Belange von Menschen einsetzt, die von sexuellem Missbrauch, sexueller Ausbeutung und sexualisierter Gewalt betroffen sind.“

Spannend und informativ.

Ihnen Ihr Blödbabbler

Zitat des Tages

„Die territoriale Integrität von Staaten ist das fundamentalste Prinzip internationalen Rechts“. So schrieb der türkische Außenminister Mevlüt Cavusoglu in der Nacht auf Freitag auf Twitter zu Donald Trumps „Golanhöhen gehören zu Israel“ Aussage. (bspw. hier)Unabhängig davon, dass ich die Entscheidung Trumps richtig finde, worüber wir gerne streiten können, finde ich es eine bewundernswerte Sicht der Dinge, die da der türkische Offizielle anspricht.
Sprechen wir bspw. über türkische Truppen die sich in Teilen Syriens breit machen und sie völkerrechtswidrig besetzt halten.
Sprechen wir auch über Zypern und die immer noch unrechtmäßige Besetzung des Nordteils der Insel durch die Türkei, nach dem Überfall 1974.
Sprechen wir auch von der Türkei in Bezug auf den Nordirak, in dem sie Militärstützpunkte unterhält und Krieg führt.
Allesamt Aktionen die weder durchs Völkerrecht noch durch fundamentalste Prinzipien internationalen Rechts gedeckt sind, wenn man denn den Wortlaut des türkischen Ministers anlegen möchte.

Vor diesem Hintergrund erscheint mir die Aussage des Ministers doch gleich nochmal so gewichtig, oder?
Können wir also in Kürze damit rechnen, dass die Türkei sich aus diesen rechtswidrigen Besetzungen zurückzieht? Oder ist es doch nur mal wieder ein Judenbashing um dem dummen innenpolitischen Islamistenpöbel Futter für ihren Hass zu geben? Wahlkampf und territorialer Machtanspruch der Türkei scheinen hier treibende Feder zu sein, aber unser Außenminister erkennt ja lieber selbsternannte ‚Rebellen des freien Markts‘ in Venezuela an und macht dort Politik eingebunden ins Rektum der U.S.A., anstatt sich von bigotten Doppelwertungen frei zu machen.

Und ehe jetzt die Kritik an meiner Position ansetzt, Israels Politik zu bevorzugen und dort Nägel mit Köpfen zu machen, ich bin kein Repräsentant des deutschen Staates und habe meine Seite gewählt. Das bedeutet: ich kann weiterhin Kritik an bestimmten Positionen äußern(was ich tue, ich kann mit der konservativen Regierung und den Religioten darin gar nichts anfangen -kann ich auch in Deutschland nicht), aber die Richtung an sich ist kein Diskussionspunkt, solange das in letzter Konsequenz immer bedeutet Israel auszulöschen.
Es interessiert mich definitiv nicht, was die armen, arabischen Unterdrückten dieser Welt in ihrem ach so tollen antiimperialistischen Kampf propagieren, solange sie es nicht schaffen in ihrem eigenen Einflussbereich Menschenrechte in höherer Qualität durchzusetzen, als es sie für Araber in Israel gibt.

Ihnen Ihr Blödbabbler

Zitat des Tages

„Feminismus muss die Klassenfrage mit stellen, wenn er wirklich möchte, dass Menschen gleich behandelt werden. Sonst profitieren nur weiße, wohlhabende Frauen. Und dann wäre es kein Feminismus, sondern Yoga-Unterricht in Berlin-Mitte.“(Sophie Passmann im Interview in der FR 2019.03.14)